Warum das Glas Wein am Abend so beliebt ist
Für viele Menschen gehört ein Glas Wein zum Feierabend wie das Abendessen selbst. Es ist ein Ritual, das Entspannung verspricht und den Tag abrundet. Lange galt moderater Weinkonsum sogar als gesund. Doch die Wissenschaft hat in den letzten Jahren neue Erkenntnisse gewonnen, die dieses Bild deutlich verändern. Wer jeden Abend zum Weinglas greift, sollte wissen, was die aktuelle Forschung dazu sagt.
Der Mythos vom gesunden Glas Rotwein
Jahrzehntelang hielt sich die Überzeugung, dass ein Glas Rotwein am Tag gut für Herz und Kreislauf sei. Grundlage war das sogenannte französische Paradoxon. In Frankreich aßen die Menschen fettreich und tranken regelmäßig Rotwein, hatten aber vergleichsweise wenig Herzerkrankungen. Daraus schlossen Forscher, dass die Inhaltsstoffe im Rotwein, vor allem Resveratrol, schützend wirken könnten. Neuere Untersuchungen zeigen jedoch, dass diese Schlussfolgerung auf methodischen Fehlern beruhte.
Was die Deutsche Gesellschaft für Ernährung sagt
Im August 2024 veröffentlichte die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) ein neues Positionspapier zum Thema Alkohol. Die Kernaussage ist eindeutig: Es gibt keine sichere und gesundheitsförderliche Menge Alkohol. Die DGE empfiehlt allen Menschen, auf Alkohol zu verzichten. Damit revidiert sie ihre frühere Position, die moderaten Konsum als unbedenklich einstufte. Laut DGE-Geschäftsführerin Kiran Virmani sollen vor allem hohe Mengen und Rauschtrinken vermieden werden.
Ab welcher Menge wird es riskant
Die DGE stuft nur null Gramm Alkohol pro Woche als risikofrei ein. Als risikoarm gelten bis zu 27 Gramm pro Woche. Das entspricht etwa ein bis zwei kleinen Gläsern Wein oder ein bis zwei kleinen Flaschen Bier. Ein moderates Risiko besteht bei 27 bis 81 Gramm pro Woche, also bis zu fünf kleinen Gläsern Wein. Wer jeden Abend ein Glas Wein trinkt, kommt auf etwa sieben Gläser pro Woche und liegt damit deutlich im Bereich des moderaten bis erhöhten Risikos.
Warum frühere Studien ein falsches Bild zeichneten
Viele ältere Studien verglichen moderate Trinker mit Abstinenzlern und kamen zu dem Ergebnis, dass moderate Trinker gesünder seien. Das Problem dabei war die Zusammensetzung der Kontrollgruppe. Unter den Abstinenzlern befanden sich viele ehemalige Trinker, die aus gesundheitlichen Gründen aufgehört hatten, sowie chronisch kranke Menschen. Dadurch erschien die Gruppe der moderaten Trinker gesünder, als sie tatsächlich war. Florian Eyer, Toxikologe am Universitätsklinikum der TU München, bestätigt, dass die angeblich schützende Wirkung von moderatem Alkoholkonsum auf solche Verzerrungen zurückzuführen ist.
Alkohol und Krebsrisiko
Die Weltgesundheitsorganisation WHO stellt klar, dass das im Alkohol enthaltene Ethanol beim Abbau im Körper krebserregend wirkt. Jedes alkoholische Getränk ist unabhängig von Preis und Qualität mit einem erhöhten Krebsrisiko verbunden. Besonders betroffen sind Mund, Rachen, Speiseröhre, Leber, Darm und Brust. Laut dem Wissenschaftsjournalisten Bas Kast steigt das Krebsrisiko bereits ab dem dritten Glas Wein pro Woche messbar an. Wer jeden Abend trinkt, setzt sich einem deutlich höheren Risiko aus.
Was Alkohol mit der Leber macht
Alkohol ist ein Zellgift, das über die Leber abgebaut wird. Bei regelmäßigem Konsum wird die Leber dauerhaft belastet. Zunächst entsteht eine Fettleber, die oft keine Beschwerden verursacht. Bei anhaltendem Konsum kann sich daraus eine Leberentzündung entwickeln. Im schlimmsten Fall droht eine Leberzirrhose, bei der das Lebergewebe dauerhaft vernarbt. Die Leber kann sich zwar regenerieren, aber nur wenn sie rechtzeitig entlastet wird. Ein tägliches Glas Wein gibt ihr diese Pause nicht.
Auswirkungen auf Schlaf und Erholung
Viele Menschen trinken abends Wein, weil sie glauben, besser einzuschlafen. Tatsächlich kann Alkohol das Einschlafen erleichtern. Doch die Schlafqualität leidet erheblich. Alkohol unterdrückt die REM-Schlafphase, die für die geistige Erholung wichtig ist. Du wachst nachts häufiger auf und fühlst dich morgens weniger ausgeruht. Auf Dauer kann regelmäßiger Abendkonsum zu chronischen Schlafproblemen führen. Die vermeintliche Entspannung am Abend bezahlst du mit schlechterer Erholung in der Nacht.
Gewohnheit oder Abhängigkeit
Der Übergang von der Gewohnheit zur Abhängigkeit ist fließend. Wer jeden Abend trinkt, gewöhnt seinen Körper an den Alkohol. Mit der Zeit brauchst du mehr, um denselben Effekt zu spüren. Das ist ein klassisches Zeichen von Toleranzentwicklung. Wenn du merkst, dass der Abend ohne Wein unvollständig wirkt oder du unruhig wirst, wenn kein Wein im Haus ist, können das erste Warnsignale sein. Laut dem Alkoholatlas Deutschland 2022 konsumieren 16 Prozent der Männer und 11 Prozent der Frauen wöchentlich riskante Mengen Alkohol.
Kalorien und Gewicht
Ein oft unterschätzter Aspekt ist der Kaloriengehalt von Wein. Ein Glas Rotwein enthält etwa 150 Kalorien. Wer jeden Abend ein Glas trinkt, nimmt allein dadurch über 1.000 zusätzliche Kalorien pro Woche zu sich. Das entspricht einer kompletten Mahlzeit. Dazu kommt, dass Alkohol den Stoffwechsel verlangsamt und die Fettverbrennung hemmt. Der Körper baut zuerst den Alkohol ab, bevor er sich um andere Nährstoffe kümmert. Auf Dauer kann das tägliche Glas Wein also durchaus zur Gewichtszunahme beitragen.
Alternativen zum Feierabendwein
Wer das Ritual beibehalten möchte, ohne Alkohol zu trinken, hat heute viele Möglichkeiten. Alkoholfreie Weine haben sich in den letzten Jahren stark verbessert. Auch Kräutertees, Infused Water oder alkoholfreie Cocktails können den Feierabend begleiten. Entscheidend ist oft nicht der Alkohol selbst, sondern das Ritual des Innehaltens. Ein bewusst zubereitetes Getränk, ein paar Minuten Ruhe und der Übergang vom Arbeitstag in den Abend funktionieren auch ohne Alkohol.
Wie du einen bewussten Umgang findest
Die Forschung sagt klar, dass kein Alkoholkonsum die sicherste Option ist. Das bedeutet nicht, dass du nie wieder Wein trinken darfst. Es bedeutet aber, dass du dir der Risiken bewusst sein solltest. Versuche, alkoholfreie Tage einzulegen und das tägliche Glas nicht zur festen Gewohnheit werden zu lassen. Beobachte ehrlich, wie sich der Konsum auf deinen Schlaf, deine Energie und dein Wohlbefinden auswirkt. Wer informiert entscheidet, trifft die bessere Wahl für seine Gesundheit.
