Start2024-07-10T15:19:07+02:00

Kaum ein Satz fällt beim Thema Hausbau und Renovierung so häufig wie dieser: Wände müssen atmen. Bauherren hören ihn vom Nachbarn, vom Schwiegervater und manchmal sogar vom Handwerker. Gemeint ist damit die Vorstellung, dass Wände Luft durchlassen müssen, damit das Raumklima gesund bleibt. Doch was steckt wirklich dahinter? Die Antwort überrascht viele, denn der Begriff ist irreführend und führt regelmäßig zu falschen Entscheidungen beim Bauen und Sanieren.

Was mit atmen eigentlich gemeint ist

Wenn jemand von atmenden Wänden spricht, meint er in der Regel nicht, dass Luft durch die Wand strömt. Tatsächlich geht es um die Fähigkeit eines Baustoffs, Feuchtigkeit aufzunehmen, zu speichern und wieder abzugeben. Fachleute nennen das Diffusion. Wasserdampf aus der Raumluft wandert dabei in winzigen Mengen durch die Wandschichten nach außen. Das funktioniert, weil zwischen innen und außen ein Druckunterschied besteht. Dieser Vorgang hat aber nichts mit Atmen im eigentlichen Sinne zu tun.

Wie viel Feuchtigkeit tatsächlich durch Wände wandert

Die Menge an Feuchtigkeit, die durch Diffusion durch eine Wand gelangt, ist erstaunlich gering. Messungen zeigen, dass nur etwa zwei bis drei Prozent der gesamten Raumfeuchtigkeit über die Wände nach außen transportiert werden. Der allergrößte Teil verlässt den Raum durch Lüften. Selbst bei einer komplett diffusionsoffenen Wand ist der Feuchtigkeitstransport so minimal, dass er für das Raumklima praktisch keine Rolle spielt. Wer glaubt, durch atmende Wände auf regelmäßiges Lüften verzichten zu können, irrt sich grundlegend.

Warum der Begriff trotzdem so hartnäckig ist

Der Mythos der atmenden Wand hält sich seit über hundert Jahren. Er geht auf den Hygieniker Max von Pettenkofer zurück, der im 19. Jahrhundert vermutete, dass frische Luft durch Wände in Räume gelangen könne. Diese Annahme wurde längst widerlegt. Trotzdem hat sich der Begriff in der Alltagssprache festgesetzt. Er klingt einleuchtend und spricht das Bauchgefühl an. Niemand möchte in einem Haus wohnen, das nicht atmen kann. Doch die Physik zeigt ein anderes Bild als das Bauchgefühl.

Was Diffusion wirklich bedeutet

Diffusion beschreibt den Transport von Wasserdampfmolekülen durch ein Material. Jeder Baustoff hat einen bestimmten Diffusionswiderstand. Materialien wie Ziegel, Kalkputz oder Holz lassen Wasserdampf relativ leicht durch. Beton, Glas oder bestimmte Kunststoffe bremsen die Diffusion stärker. Wichtig ist dabei das Zusammenspiel aller Schichten einer Wand. Von innen nach außen sollte der Diffusionswiderstand abnehmen. Das bedeutet, die innere Schicht sollte den Dampf etwas bremsen, während die äußere Schicht ihn leicht passieren lässt.

Wann Feuchtigkeit in der Wand zum Problem wird

Problematisch wird es, wenn Feuchtigkeit in die Wand gelangt und dort nicht mehr herauskommt. Das passiert vor allem bei falsch aufgebauten Wandschichten. Wenn die äußere Schicht dichter ist als die innere, staut sich die Feuchtigkeit im Wandinneren. Im Winter kann sie dort kondensieren und zu Schimmel oder Bauschäden führen. Deshalb ist nicht die Frage entscheidend, ob eine Wand atmet. Entscheidend ist, ob der Wandaufbau physikalisch richtig geplant ist und Feuchtigkeit kontrolliert abgeführt wird.

Dämmung und atmende Wände

Besonders hitzig wird die Diskussion beim Thema Wärmedämmung. Viele Menschen befürchten, dass eine Dämmung die Wand am Atmen hindert. Polystyrol-Dämmplatten stehen besonders in der Kritik. Tatsächlich haben sie einen höheren Diffusionswiderstand als etwa Mineralwolle oder Holzfaserdämmplatten. Doch selbst eine Polystyrol-Dämmung führt bei fachgerechter Ausführung nicht zu Feuchtigkeitsproblemen. Der Grund ist einfach: Die Dämmung hält die Wand warm, sodass weniger Feuchtigkeit im Wandinneren kondensiert.

Welche Rolle Lüften wirklich spielt

Wenn nicht die Wände für den Feuchtigkeitsabtransport sorgen, was dann? Die Antwort ist simpel: Lüften. Über 95 Prozent der Raumfeuchtigkeit werden durch Fensterlüftung oder mechanische Lüftungsanlagen abgeführt. Eine vierköpfige Familie produziert am Tag etwa acht bis zwölf Liter Feuchtigkeit durch Atmen, Kochen, Duschen und Wäschetrocknen. Diese Menge kann keine Wand der Welt allein bewältigen. Regelmäßiges Stoßlüften oder eine kontrollierte Wohnraumlüftung sind deshalb unverzichtbar.

Natürliche Baustoffe und Raumklima

Auch wenn Wände nicht atmen, beeinflussen Baustoffe durchaus das Raumklima. Materialien wie Lehm, Kalkputz oder Holz können kurzfristig Feuchtigkeit aus der Luft aufnehmen und später wieder abgeben. Das wirkt wie ein Puffer und sorgt dafür, dass die Luftfeuchtigkeit im Raum weniger stark schwankt. Dieser Effekt ist real und messbar. Er ersetzt aber nicht das Lüften. Natürliche Baustoffe verbessern das Wohngefühl, weil sie Feuchtigkeitsspitzen abfangen. Die Grundlüftung müssen trotzdem du selbst oder eine Lüftungsanlage übernehmen.

Dampfbremse und Dampfsperre

Im Zusammenhang mit dem Thema tauchen oft die Begriffe Dampfbremse und Dampfsperre auf. Eine Dampfbremse verlangsamt den Durchtritt von Wasserdampf, lässt aber geringe Mengen durch. Eine Dampfsperre blockiert ihn fast vollständig. Beide werden auf der warmen Innenseite der Wand eingebaut. Sie verhindern, dass zu viel Feuchtigkeit in die Konstruktion eindringt. Besonders bei Holzrahmenbau und Dachkonstruktionen sind sie wichtig. Welche Variante die richtige ist, hängt vom gesamten Wandaufbau ab und sollte immer berechnet werden.

Typische Fehler bei Sanierungen

Bei Altbausanierungen werden häufig Fehler gemacht, die auf dem Mythos der atmenden Wand beruhen. Manche Hausbesitzer verzichten auf eine Innendämmung, weil sie fürchten, die Wand einzupacken. Andere lehnen moderne Fenster ab, weil sie glauben, die alten undichten Fenster hätten für ausreichend Luftaustausch gesorgt. Wieder andere streichen Kellerwände mit Dispersionsfarbe und wundern sich über Feuchteschäden. In all diesen Fällen wäre eine fachkundige Beratung durch einen Energieberater oder Bauphysiker die bessere Wahl gewesen.

Worauf es beim Wandaufbau wirklich ankommt

Die Frage ist nicht, ob deine Wände atmen. Die Frage ist, ob der Wandaufbau bauphysikalisch stimmt und du richtig lüftest. Eine gut geplante Wand führt Feuchtigkeit kontrolliert ab, hält die Wärme drinnen und schützt die Konstruktion vor Schäden. Diffusionsoffene Baustoffe können dabei helfen, sind aber kein Ersatz für durchdachte Planung. Wer sein Haus sanieren oder neu bauen möchte, sollte sich von Fachleuten beraten lassen und den Begriff atmende Wand getrost vergessen.